Schlagwort: Bildungsreisen

aufstand der utopien

Reisebericht: Kann Chemnitz von Manchester Lernen?

von Autorin und Organisatorin: Jane Viola Felber, Projektleiterin „neue unentdeckte narrative“

Wie ging Manchester mit Umbrüchen in der Vergangenheit um und welche Ideen für die Zukunft kommen aus ihr? Unter dem Titel „Von Manchester Lernen?!“ hat der ASA-FF e. V. vom 28. bis 31. März eine Vernetzungsreise für 15 Kooperationspartnerinnen v.a. aus Chemnitzer Kultureinrichtungen veranstaltet.

Mit dabei waren Vertreterinnen u.a. von CWE Chemnitz, Die Theater Chemnitz, Klub Solitär, OFF-Theater Komplex, dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (SMAC), Spinnerei e.V. und dem Zentrum für Darstellende Kunst. Ziel der Reise war es, sich mit Akteurinnen aus unterschiedlichen Bereichen in Manchester zu vernetzen und auszutauschen, innovative Handlungsansätze kennenzulernen und Erzählungen der Stadt zu Umbrüchen in Vergangenheit und Zukunft zu recherchieren. Auf dem Programm standen u.a. Treffen mit dem Manchester International Festival, dem Kulturzentrum HOME, den Künstlerinnen um Proforma, Stadtratsabgeordneten, dem Kulturamt, der Initiative Multilingual Manchester und Museen wie dem Manchester Museum und People’s Public History Museum.

Warum Manchester? Nach Budapest im Jahr 2017 und Rotterdam im Jahr 2018 fiel die Wahl dieses Jahr auf Manchester als Partnerstadt von Chemnitz, die eine ähnliche Transformationsgeschichte als Industriestandort verbindet und sich wie ganz Großbritannien gerade in den Brexit-Wirren befindet. Die Vernetzungsreise fand um den 29. März statt, den anfangs vereinbarten Termin für den Brexit. Bekannt als Stadt, von der die industrielle Revolution ausging, mit hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität in den 1970ern, erlebt Manchester seit den letzten zwei Jahrzehnten einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung und präsentiert sich als Stadt, in der die Ideen für die Zukunft gestaltet werden. An jeder Ecke werden neue Hochhäuser gebaut. Kultur dient dabei als Standort- und Innovationsfaktor und ist ein Querschnittsthema für alle Politikbereiche. Auch bei der Aufarbeitung der Anschläge – 1996 durch die IRA, 2017 durch einen islamistischen Selbstmordattentäter, wirkte Kultur der Spaltung der Gesellschaft entgegen, eindrucksvoll zu sehen in der Identifikation der Stadt mit ihrem Symbol der Biene und dem Gedicht „This is the Place“ von Tony Walsh. Aber nicht alles glänzt. Die Obdachlosigkeit in Manchester ist sehr hoch, überall liegen Überbleibsel der Droge Spice. Es gibt wenig Grün und ruhige Oasen in der Innenstadt. Die Frage stellt sich mancherorts, für wen die Kultur ist und wessen Geschichten sie erzählt. Ein noch umfangreicherer Bericht der Reise wird in den nächsten Wochen erstellt und hier, über Soziale Medien und Vorträge des Vereins zugänglich gemacht.

Die Reise fand im Rahmen des Chemnitzer Modellprojektes „neue unentdeckte narrative“ statt. Im Rahmen des Projekts entstehen kulturelle Formate wie Theaterstücke und Ausstellungen an der Schnittstelle zwischen Kultur, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Verwaltung in Chemnitz, die jährlich in ein Festival münden. Letztes Jahr lag der Schwerpunkt mit dem Festival „Aufstand der Geschichten“ auf vergangenen Umbrüchen und welche Rolle diese in den aktuellen Konflikten spielen. Dieses Jahr liegt der Fokus auf Zukunftserzählungen. Das Festival im November dieses Jahres trägt den Titel „Aufstand der Utopien“. Das Programm möchte Orte schaffen, in denen eine breite Stadtgesellschaft an gemeinsamen Erzählungen für die Zukunft arbeitet.

bildungsreisen

Vernetzungsreise „Von Ungarn Lernen?!“

Im Rahmen des Programms „nun – neue unentdeckte narrative“ haben wir uns Mitte Dezember mit einer Gruppe von sieben Chemnitzer Vertreterinnen aus öffentlichen Kultureinrichtungen sowie der freien Kulturszene auf den Weg nach Ungarn gemacht. Auf der Reise haben wir uns mit Kulturschaffenden wie Krétakör, Trafó – House of Contemporary Arts Budapest oder der OFF-Biennale getroffen und die „offiziellen Narrative“ Ungarns erkundet.

Wie ist die aktuelle Situation? Dieses Frühjahr sind Parlamentswahlen in Ungarn. Die rechtsextreme Partei Jobbik stilisiert sich als Oppositionsführerin aus der Mitte. Kritiker der Fidesz-Regierung sind gespalten darüber, ob sie auf den Zug aufspringen oder nicht. Es gibt keine Zensur in Ungarn, aber Kunstschaffende, die direkte Kritik an der Fidesz-Regierung äußern, werden zum Schweigen gebracht. Ihre Verträge in staatlich finanzierten Kulturinstitutionen wurden nicht verlängert, sie erhalten keine finanzielle Unterstützung und sind von Fördertöpfen aus dem Ausland abhängig. Ihre Buchhaltung unterliegt langwierigen Finanzaudits, ihre Arbeiten und sie als Personen werden öffentlich dämonisiert.

Die Perspektiven und Antworten von Kulturschaffenden auf diese Situation sind verschieden. Was wir auf der Reise gelernt haben? Möglichkeitsräume dann nutzen, wenn sie da sind. Die Solidarität unter Kulturschaffenden stärken. Die Verschiedenheit der Ansätze wertschätzen. Projekte außerhalb des Elfenbeinturms ansiedeln, die Akteure untereinander vernetzen, die Bevölkerung einbeziehen und Räume der Begegnung in fragmentierten Gesellschaften schaffen, soziale Fragestellungen und Tabuthemen in den Fokus nehmen, abstrakte Themen wie Menschenrechte künstlerisch übersetzen. Lokalen Initiativen auf europäischer Ebene den Rücken stärken.

Welche „offiziellen Narrative“ prägen die Geschichten von Umbruch und Wandel in Ungarn? Wir haben die Zeit genutzt, um die offizielle Erinnerungspolitik Ungarns zu erkunden. Zum einem im Memento Park außerhalb von Budapest, in dem 42 für die Zeit des Sozialismus als emblematisch bezeichnete Denkmale zu sehen sind. Zum anderen im Haus des Terrors, in welchem die Zeit des Faschismus („Pfeilkreuzer“) mit der Zeit des Sozialismus in eine kausale und personelle Linie gesetzt wird. Auffällig ist das allumfassende Narrativ des Opfers und der Besatzer von außen. Die Identität des Ungarischen wird weniger in Bezug auf nationale Symbole konstruiert, sondern stark über die Dämonisierung des Anderen, des Außen, des Besatzers.

Wir nehmen viele Impulse und spannende Kontakte mit von der Reise.

Ein ausführlicher Einblick in unsere Gespräche und Diskussionen folgt bald.

Autorin und Kontaktperson: Jane Viola Felber, Projektleiterin „neue unentdeckte narrative“

            Gefördert vom                                                         im Rahmen des Bundesprogramms