Monat: Juli 2018

bildungsreisen

Bildungs- und Vernetzungsreise „Von Rotterdam Lernen?!“

Vom 14.-17. Juni 2018 fand unsere Bildungs- und Vernetzungsreise „Von Rotterdam Lernen?!“ statt. Die Stadt Rotterdam gilt zum einen als Best-Practice-Beispiel für kommunale Strategien gegen Rechtspopulismus. Auf der anderen Seite hat bei den letzten Kommunalwahlen im Frühjahr 2018 erneut eine rechtspopulistische Partei (Leefebar Rotterdam – Lebenswertes Rotterdam) die meisten Stimmen erhalten. Regieren wird sie die nächste Amtszeit nicht, sondern eine Opposition aus den restlichen sechs Parteien. Rotterdam ist die zweitgrößte Stadt der Niederlande, ein kulturelles Zentrum mit dem größten europäischen Seehafen, auf der anderen Seite aber eine Stadt der sozialen Spaltung und hohen Arbeitslosigkeit.

Mit Rotterdam haben wir den Blick auf den Westen Europas gerichtet (im Dezember 2017 haben wir Kulturschaffende in Budapest getroffen) und damit die Perspektive auf das Phänomen Rechtspopulismus geweitet, welches nicht allein über den Fokus auf den Osten Europas und die Transformationsprozesse mit Ende des Kalten Krieges zu erklären ist.

Dabei waren sieben Akteure aus Kultur, Zivilgesellschaft und Verwaltung aus Chemnitz, Zwickau und Hamburg (darunter Künstlerinnen und Vertreterinnen u.a. von SMAC, Komplex Theater, Wolkenkuckucksheim, CWE, Roter Baum Zwickau, TUSCH Hamburg).

Inhalte der Reise waren Diskussionen mit Schlüsselakteur:innen aus Kultur, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Verwaltung in Rotterdam zu Herausforderungen und Erfahrungen im Themenfeld Rechtspopulismus, das Kennenlernen von Best-Practice-Beispielen und innovativen Handlungsansätzen, sowie die Recherche und Diskussionen zu nationalen Narrativen/offizieller Erinnerungspolitik in Bezug auf Transformationsprozesse in Europa.

Der Umgang mit der aktuellen Situation ist in Rotterdam stark geprägt vom Umgang mit seiner gewaltvollen Geschichte, zum einen mit Blick auf seine Kolonialgeschichte, zum anderen mit Blick auf den Zweiten Weltkriegs.

Am 14. Mai 1940 wurde die Stadt von der deutschen Wehrmacht besetzt. Die Innenstadt von Rotterdam wurde dabei weitgehend zerstört. Später trafen Bombenangriffe der Alliierten gegen die deutschen Besatzer nicht nur militärische Ziele, sondern auch zivile Orte.

Die Statue „Die zerstörte Stadt“ an einem der zentralen öffentlichen Plätze symbolisiert die Stadt als eine Person ohne Herz, welches bei dem Bombardement der Stadt durch die deutsche Luftwaffe verloren ging. Demgegenüber wird aber die Zerstörung im aktuellen kollektiven Gedächtnis der Stadt auch positiv gerahmt. Das Meta-Narrativ ist: „Schon am ersten Tag nach der Bombardierung haben die Rotterdamer damit begonnen, die Stadt wiederaufzubauen, bis heute“.

Es gibt eine starke Verbindung der Bürgerinnen mit ihrer Stadt, die auch in Abgrenzung zu Amsterdam konstruiert wird. Bei der Mehrzahl unserer Gesprächspartner wurde ein positiver Blick in die Zukunft deutlich, frei von Angst und geprägt durch ein starkes Vertrauen in demokratische Institutionen („checks and balances“).

Auf unsere offene Frage „Von Rotterdam Lernen?!“ entgegnete die Mehrzahl der Akteure, dass wir als „Rückgrat der Demokratie“ unsere Unabhängigkeit von der aktuellen Stadtpolitik bewahren, nicht Teil der Polarisierung sein, sondern abweichende Meinungen hörbar machen sollten. Stimmen würde man leiser drehen, in dem man sie an den Tisch holt. Klar sollten aber die Grenzen zu Hate Speech sein. Diese gehörten vor Gericht, und nicht auf ein Podium. Dafür sei es wichtig, dass Monitoring-Instrumente und Strafverfolgung funktionieren.

Wir haben auf der Vernetzungs- und Bildungsreise „Von Rotterdam Lernen?!“ unterschiedliche Eindrücke gewonnen, verschiedene Best-Practise-Methoden gesammelt und wollen diese als Impulse wieder zurück nach Chemnitz bringen. Die Empfehlungen werden weiter unten ausführlicher erläutert, verbunden mit der Angabe von Links für weitere Recherchen und Einblicken in unsere Gespräche.

Weiterführende Links:

Autorin und Kontaktperson: Jane Viola Felber, Projektleiterin „neue unentdeckte narrative“

Ein ausführlicher Bericht mit Handlungsempfehlungen auf Anfrage an: Jane.Felber@asa-ff.de

            Gefördert vom                                                         im Rahmen des Bundesprogramms

neues von nun

reframing identities

Die sächsische Identitätsgeschichte der Dauerausstellung des smac wir umgeschrieben!

Gemeinsam mit dem Staatliches Museum für Archäologie (smac) hat das Programm „neue unentd_ckte narrative“ nach einem Consultant in Residence zum Thema „Reframing Identities“ über eine internationale Ausschreibung gesucht. In den letzten zwei Monaten haben wir 25 Bewerbungen aus der ganzen Welt erhalten. Wir sind beeindruckt von der Vielfalt der Ansätze und Perspektiven, von der hohen Qualität und der Anzahl einzigartiger Ideen. Wir möchten uns bei allen Künstler:innen und Wissenschaftler:innen dafür bedanken, dass sie so viel Zeit in die Entwicklung der Ideen investiert haben, wie sich neue Perspektiven auf die bestehende Ausstellung des smac eröffnen lassen.

Die Jury bestand aus 8 Kulturakteur:innen; Vertreter:innen des smac, neue unentd_ckte narrative, Die Theater Chemnitz, Museum Gunzenhauser, der freien Kulturszene und des Büro für Antidiskriminierung der Technischen Universität Chemnitz. Die Jury wählte 10 Bewerbungen in die letzte Abstimmungsrunde, in der die Nominiert:innen diskutiert wurden.

Die Wahl fiel auf Szabolcs KissPál, Künstler aus Budapest, der am Intermedia Department in Budapest lehrt und u.a. die Aktionsgruppe “Free Artists” ins Leben gerufen hat. Mehr Informationen zu einem seiner aktuellen Projekte finden sich hier: e-flux

Szabolcs KissPál wird sich mit folgenden Fragen der Dauerausstellung nähern:

  • Welche identitätsstiftenden Narrative sind vorhanden (regional, national, andere Gruppenzugehörigkeiten)?
  • Welche Vorstellungen von Ethnizität evoziert die Ausstellung, wie werden Begriffe wie „(archäologische) Kultur“, „Stamm“, „Volk“, „Nation“ verwendet?
  • Wo und wie werden historische Brüche gesetzt? Welche Brüche sind noch unsichtbar?
  • An welchen Stellen bietet die Ausstellung Anschluss an migrantische Perspektiven bzw. wo lässt die Ausstellung diese aus?
  • Welche Geschichte wird erzählt und wie lässt sich die Geschichte anders erzählen? Ziel ist es Impulse für einen anderen Erzählframe zu geben.

Er wird die Fragestellungen mit kreativen Ideen bearbeiten. Die Recherchearbeit wird dokumentiert. Dies kann ein wissenschaftlicher Bericht, ein Essay, ein literarischer Text, ein Gedicht, ein Vortrag, Theaterstück oder eine temporäre künstlerische Intervention werden.

Das smac in Kürze:

Das smac präsentiert 300.000 Jahre globale und regionale Kulturgeschichte. Es ist eine Einrichtung des Landesamts für Archäologie Sachsen und Kulturbotschafter des Freistaates Sachsen. Das smac wurde im Mai 2014 im ehemaligen Kaufhaus Schocken im Herzen von Chemnitz eröffnet. Seine Dauerausstellungen (ca. 3000 m²) zeigen die Archäologie und Kulturgeschichte in Sachsen und die deutsch-jüdische Geschichte des Hauses mit Ausstellungen über Leben und Werk des berühmten Architekten Erich Mendelsohn, über den Kaufhauskonzern Schocken und über den Kaufhausgründer, Verleger und Kunstmäzen Salman Schocken. In seinen Sonderausstellungen (ca. 1000 m²) blickt das smac über die Grenzen der Landesarchäologie hinaus und zeigt Ausstellungen, die aktuelle gesellschaftliche Debatten aufgreifen und in ihrer zeitlichen Tiefe darstellen (Geld, Stadtgesellschaft, interkulturelle Beziehungen) oder die die Archäologie und Kulturgeschichte anderer Länder präsentieren. Getreu seines claims „Kulturen entdecken – Geschichte verstehen“ ist Ziel des smac und seines Programms, die Besucher_innen einzuladen, aktiv über kulturelle Vielfalt in ihrer zeitlichen Tiefe und der Gegenwart nachzudenken. Um dieses Ziel zu erreichen, refl ektiert das smac sein eigenes Handeln und korrigiert wenn nötig seine Praxis in kultureller Bildung, Wissenschaft und Vermittlung, um auf gesellschaftspolitische Veränderungsprozesse zu reagieren.

            Gefördert vom                                                         im Rahmen des Bundesprogramms